Wieso es keinen Grund für die Reichen gibt, mit den Armen zu teilen
Kritik am Kapitalismus ist völlig fehl am Platz, ebenso wie der an ihn gerichtet Vorwurf, er bediene den haltlosen Egoismus. Stattdessen spiegelt er lediglich ewig gültige Naturgesetze – oder was haben Sie gedacht?
Es mag zwar gerade „in“ sein, dem Kapitalismus und den Reichen die Schuld für so ziemlich alle Übel dieser Welt anzukreiden, aber gerecht ist es nicht. Eine Wahrheit, die vor allem für die engagierte und weltverbessernwollende Fraktion der Globalisierungskritiker bitter ist. Aber, wie wir schon des öfteren gesehen haben, ist die Wahrheit nun einmal bitter. Und dieser Beitrag möge dazu dienen, dass sich ihr ein paar Menschen mehr endlich stellen. Denn, wie schon Jesus sagte: „Die Wahrheit macht euch frei!“ Und Freiheit nach wie vor dringend nötig. Zwar haben wir hier in unserer schönen neuen Industriewelt schon ziemlich viel Freiheit, doch mir fehlt noch sehnlichst die Freiheit von beengenden, verdummenden Denkmustern und so genannten „Weisheiten“, die lediglich denen dienen, die sie in die Welt setzen. Ich meine die Menschen, die uns unseren Reichtum vermiesen wollen und solche Dinge behaupten wie dass genug für alle da wäre, wenn die Reichen nur teilen würden. Blödsinn!
Angeblich gibt es Mechanismen, die dafür sorgen, dass der eine Teil der Menschheit immer reicher wird und der andere immer ärmer – oder schlicht arm bleibt. Natürlich ist das so – aber dafür können die Reichen nichts! Böse Zungen behaupten, dass die Reichen die Armen irgendwie austricksen, äußerst geschickt dafür sorgen, ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen. Eine ziemlich gemeine Journalistin zum Beispiel hat einmal behauptet, wir würden lauter Behauptungen in die Welt setzen, um den Armen den Aufstieg zu verwehren, die einfach nicht stimmen, aber kein Mensch anzweifelt, weil sie so überzeugend vorgetragen werden und auf immerhin eine kleine Minderheit ja auch zutreffen. Nehmen wir das, wie sie es nannte, „Märchen von der harten Arbeit, durch die man zu Wohlstand gelangt“: Es war einmal ein armer Jüngling, der in einer windschiefen Hütte lebte, nur einen Umhang besaß und sich jeden Tag nur eine karge Mahlzeit leisten konnte. Aber beklagte er sich etwa?! Nein!!! Stattdessen spuckte er in die Hände, holte sich etwas halbwegs Ordentliches zum Anziehen aus der Altkleidersammlung, suchte sich einen Job in einem Schnellimbiss und einen zweiten als Nachtwächter. So konnte er jeden Tag 8 Stunden arbeiten und auch noch jede Nacht! 6 Tage die Woche. Sein Lohn war kaum genug zum Leben, aber das machte nichts, denn wenigstens konnte er sich jeden Tag auf der Arbeit satt essen. Er gab keinen Euro aus, sondern sparte alles. Da man ihm gesagt hatte, dass es allein an ihm liege, was er aus seinem Leben mache – und er dies glaubte, ohne es auch nur eine Sekunde in Frage zu stellen- und er nur genug arbeiten müsse, bis die Lage eines Tages auch für ihn wurde (ein besserer Job, eine Gehaltserhöhung, genug Geld gespart, um ein Häuschen zu kaufen), machte er immer so weiter.
An dieser Stelle schrieb diese böse Frau: „Ja, und in der Version, die Sie von einem dieser Leute hören werden, die Ihre Schäfchen sorgfältig hüten und Acht geben, dass kein anderer sie in die Finger bekommt, bringt der dann irgendwann etwas ältere Mann es tatsächlich zu Wohlstand, einem Häuschen, einer hübschen Frau und zwei entzückenden Kindern. Nicht zu vergessen das neue Auto in der Garage. Im realen Leben – doch das hat aus wundersamen Gründen bis heute nicht in die Geschichte Eingang gefunden – ist der ehemals vitale Jüngling nach spätestens 10 Jahren nervlich und körperlich so fertig, dass er als völlig arbeitsunfähiger Sozialfall vor sich hinvegetiert. Warum glauben die Menschen die Mär von der harten Arbeit dennoch? Nun, wie das Leben so ist, gibt es natürlich auch ein paar Fälle, in denen es tatsächlich funktioniert hat. Rein statistisch muss das ja auch so sein! Dass die Mehrheit der Menschen jedoch eine andere Erfahrung macht, wird einfach verschwiegen.“
Ich bin schockiert und sprachlos angesichts von so viel Respekt- und Verständnislosigkeit für uns Schäfchenbesitzer. Würden Sie etwa die Wahrheit sagen? Wem sollte das etwas nützen? Es ist doch für alle Seiten viel besser, die Armen beschäftigt zu halten, damit sie nicht auf den Gedanken kommen, mal nachzudenken und zu merken, dass sie aus ihrer Situation nie und nimmer herauskommen und höchstens ab und zu ein paar Almosen zur Ruhigstellung erhalten, die aus ihrer Sicht schon wie Schätze wirken. Nein, da würde ich schön meinen Mund halten, oder was würden sie tun? Wir wollen doch nicht, dass am Ende jemand Anspruch auf unsere Schäfchen erhebt!
Denn auch wenn wir sie gar nicht alle brauchen, wenn wir viel mehr Schäfchen haben, als wir zum angenehmen Leben geschweige denn Überleben benötigen, wären wir ja schön blöd, welche an weniger glückliche, auch „arme Teufel“ genannte Menschen abzugeben. Erstens weiß man schließlich nie, wozu man das, was man hat, eines Tages vielleicht doch noch gebrauchen kann. Zweitens kann morgen der Dritte Weltkrieg ausbrechen, und dann könnten genügend Vorräte ein entscheidendes Überlebensplus sein. Und drittens – und hier kommen wir zum Wesentlichen! – ist Teilen und Abgeben einfach unsinnig. Denn, und ich zitiere dankbar noch einmal Jesus: „Wer hat, dem wird gegeben, und wer nicht hat, dem wird auch noch das letzte genommen“. So ist das nämlich. Es ist ein Naturgesetz, dass die einen immer mehr bekommen und die anderen immer weniger. Was sollten wir als einfache Menschen schon daran ändern? Hochmut und Selbstüberschätzung sind lange genug Fehler der Menschheit gewesen, wir sollten uns nicht auch noch daran schuldig machen. Eine weitere gute Begründung dafür, dass es gar nichts bringt, ärmeren etwas abzugeben, finden wir auch bei den modernen Lebenshilfegurus. Die müssen es ja wissen, schließlich wären sie sonst keine Gurus, und sagen unisono, dass wir uns unsere Realität selbst erschaffen, vor allem durch das, was wir denken und woran wir glauben. Wenn einer zu blöd ist, sich Reichtum zu erdenken, ist das also nicht mein Problem. Ich muss da gar nicht helfen. Glück gehabt! Denn auch, wenn ich ihm helfe und sagen wir, 1000 Euro geben würde, wäre er nächsten Monat schon wieder da, wo er jetzt ist, denn es liegt ja daran, dass er sich Armut selber kreiert. Und jeder ist frei, das zu kreieren, was er möchte! In die Kreation eines anderen mische ich mich lieber nicht ein. Wer weiß, vielleicht wird der liebe Gott dann böse auf mich. Und nimmt mir noch meine Schäfchen weg. Ein Grund mehr, gut auf sie aufzupassen.
Viel sinnvoller wäre es, wenn der Andere mal anfangen würde, an seinem Selbstwertgefühl zu arbeiten. Das habe ich auch von den Gurus gelernt. Wenn Menschen sich Armut erschaffen, dann meistens deshalb, weil sie unterschwellig daran glauben, dass sie Reichtum und Wohlstand nicht verdienen, eben irgendwie minderwertig seien. Wenig Selbstwert = wenig Geld, viel Selbstwert = viel Geld. Ganz einfach! Das leuchtet doch jedem ein, vor allem, wenn wir mal nach Hollywood schauen, wo die ganzen Stars sich vor Selbstwertgefühl und Einklang mit dem Universum quasi wie von selbst dumm und dämlich verdienen. Und dass die Menschen in Äthiopien oder Bangladesch alle überhaupt Null Selbstwert haben, ist ja auch nichts Neues.
Zum Glück ist bei mir dahingehend alles in Ordnung. Muss es ja, sonst hätte ich ja nicht so viele Schäfchen im Stall. Das beweist mir auch, dass ich mir um meine schlaflosen Nächte, meine pausenlose Anspannung und mein seltsames Unwohlsein, wenn ich mich in größeren Gruppen befinde – so, als würde ich nicht dazugehören – keine Gedanken machen muss. Früher dachte ich, dass mir vielleicht eine Therapie gut tun würde, aber jetzt weiß ich ja dank meines Gurus, dass ich keine Schäfchen hätte, wenn ich so verkorkst wäre, wie ich immer gedacht habe. Ich habe es eben geschafft, mir einen vollen Schafstall zu kreieren. Und um mehr muss ich mich nicht kümmern. Gott sei Dank.
Kendra Thiemann,
erschienen in zukunft, Januar 2008