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In jedem von uns steckt ein einzigartiges Genie. Es wird nur nicht erkannt!

Ich besitze ein ganz einzigartiges, wunderbares Talent, nämlich die Gabe, Bilder und Regale grundsätzlich schief aufzuhängen. Dabei bin ich so treffsicher, dass auch ein vorheriges genaues Ausmessen und Anzeichnen von Bohrlöchern und Nagelpositionen mit der Wasserwaage die leichte, charmante Schieflage des fertigen Werkes nicht beeinträchtigen kann. Das nenne ich wahres Können. Gerade aufgehängte und parallel zu Wand und Decke laufende Bilder gibt es schließlich überall – unpersönliche Massenware. Doch die von mir erzielte leichte Rechts- oder Linksneigung erzeugt ein Klima der Individualität, des Besonderen, des Unangepassten. In einer solchen Umgebung fällt es viel leichter, man selbst zu sein, als in einem Raum, in dem strenge Geradlinigkeit herrscht und in dem man sich unbewusst permanent verpflichtet fühlt, sich der vorgegebenen Ordnung anzupassen und unterzuordnen. Das Motto des von mir kreierten Einrichtungsstils könnte man mit „Komm rein, entspann dich und sei du selbst!“ beschreiben.

Leider erfassen nur wenige Menschen diesen Segen. Die meisten scheinen mein Talent eher als Makel zu sehen, und vor allem so mancher Mitbewohner von mir reagierte regelmäßig mit „Was hast Du denn da wieder gemacht! Wie sieht das denn aus – das ist ja völlig schief!“. Dabei hätte er doch als erster spüren müssen, welch heimelige Wirkung von meinem Schaffen ausging.

Anpassung um jeden Preis

Und damit sind wir direkt beim Thema. Es ist eine traurige Tatsache in unserer Gesellschaft, dass die besonderen Talente und Fähigkeiten der Menschen – und vor allem der Kinder! – im besten Fall nicht erkannt und im häufigsten Fall aktiv verunglimpft werden, bis das Kind sich nicht mehr traut, sie auszuleben. Das Lebensbereichernde bestimmter Verhaltensweisen wird übersehen, ignoriert, verdrängt. Die Umgebung verlangt Anpassung an die herrschenden Strukturen, ohne Rücksicht auf Verluste und ohne Hinterfragung ihres Sinns. Da nimmt ein Dreijähriges heimlich Mamas Lippenstifte und malt damit die weiße Wohnzimmerwand an. Herrlich! Ein kleines Malergenie! Schon früh erkennt man den Drang zum künstlerischen Schaffen, zum Unkonventionellen, den Wunsch, Großes zu erschaffen (Wand statt ein Blatt Papier) und das intuitive Wissen um die Wirkung verschiedener Farben auf den Menschen: Rottöne strahlen mehr Wärme aus, wirken anregend und fördern die Sinnlichkeit. Vielleicht auch eine geschickte Strategie, um die Eltern zur Produktion eines Geschwisterchens zu verleiten – dann hat man endlich jemanden zum Spielen! Doch noch während das Kleine mit leuchtenden Augen glückselig und stolz vor seinem Werk sitzt und dem Lob der Mutter entgegenfiebert, ertönt von hinter ihm ohne Vorwarnung ein Schrei „NEEEEEIIIN! Was hast Du jetzt schon wieder angestellt?!“ und das Kind wird rabiat ins eigene Zimmer verbannt. Die Mama ist unerklärlicherweise für Tage unfreundlich und die gelernte Lektion lautet: „Wenn ich weiter male, fliege ich womöglich eines Tages raus. Also lasse ich das lieber...“. 30, 40 Jahre später wird die Mama – so sie denn noch lebt – immer noch kalkweiß und atmet schwer, wenn zufällig die Worte „Wand“, „Wohnzimmer“ oder „Lippenstift“ fallen und die ganze Familie wundert sich darüber, warum der Spross in seiner glänzenden Karriere als Finanzbeamter immer das Gefühl hat, er habe im Leben etwas versäumt.

Die gleiche Tragik – immer wieder

Sieht es in der Schule besser aus? Hat je ein Lehrer bemerkt, dass sein Schüler, der im Unterricht Männchen malt, den Toleranzgedanken in reinster Form zu leben versucht: „Ich störe dich nicht bei dem, was du machst, und du mich nicht bei dem, was ich mache!“? Und dass das Kind, welches 27:3=5 rechnet, vielleicht einem revolutionären neuen mathematischen Verständnis auf der Spur ist, mit dessen Hilfe man endlich die Weltformel finden könnte? Und was ist mit dem Mädchen, dass in den Pausen am liebsten in der Hecke sitzt – verbirgt sich hier nicht die Liebe zur Natur? Vielleicht wird sie die passende Vision liefern, wie die Welt vor dem Klimawandel zu retten ist?

Die nächste Verständniswüste erlebt man dann im Beruf. Versteht Ihr Chef etwa, warum es heute morgen dringend erforderlich war, 3 Stunden später zu kommen, um vorher noch ein paar philosophische Gedanken niederzuschreiben? Er hat keinen Sinn dafür, wie sehr Kant und Nietzsche die Welt weitergebracht haben und dass er vielleicht einem ebenso großen Gelehrten den Weg verbaut! Oder dass sie während der Arbeitszeit im Internet surfen – Sie wollen sich weiterbilden, und davon profitiert auch das Unternehmen!

Und erst recht kein Verständnis findet, wer mindestens einen Tag die Woche einfach gar nichts tun und nur dasitzen oder im Bett bleiben will. Dabei ist genau das der Weg zur Erleuchtung, oder wie lange hat Buddha unter einem Baum gesessen?

Es ist höchste Zeit, uns selbst und andere mit anderen, wohlwollenden Augen zu betrachten und offen zu sein für die Schätze, die wir alle in uns tragen. Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, mein Bett möchte mir auf meinem Weg zur Erleuchtung dienen.

Kendra Thiemann,
erschienen in zukunft, Februar 2008