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Antworten auf Fragen, die Sie sich bisher nicht getraut haben zu stellen


Allenthalben hört und liest der wachsame und sich pflichtbewusst gut informierende Bürger von den Gefahren des so genannten „demographischen Wandels“. Das Wort verleiht dem, der es verwendet, eine Aura von Bildung und Sachkenntnis. Für alle, die bisher nicht wussten, was es eigentlich bedeutet, sich aber nicht getraut haben, das zuzugeben, und so noch keine Chance hatten, diese Wissenslücke zu schließen, sei hier verraten, was dahinter steckt. Und wie man ihm wirklich wirksam begegnen kann.

Der demographische Wandel ist beileibe nicht etwas, das nur die Kreise betrifft, die diesen Begriff auch verwenden. Würde man das Phänomen in einfachen Worten beschreiben (was viel angemessener wäre, weil dann auch alle mitreden könnten, da es ja alle betrifft), dann klänge das ungefähr so: In Zukunft wird es in Deutschland wohl viel mehr ältere als jüngere Menschen geben, weil die Menschen immer älter werden und die Generation, die jetzt Kinder bekommen sollte, nicht genug bekommt, und das aufgrund unterschiedlichster, miteinander verknüpfter Ursachen, die immer wieder Gegenstand ausgiebigster Untersuchungen sind. Oder weil sie einfach keine Lust dazu hat.

Die Politik macht daraus ein Riesenproblem, weil das staatliche Rentensystem nicht vorsieht, dass es mehr ältere Menschen gibt als jüngere und sie sich Herrgott noch mal nicht die Mühe geben wollen, das Rentensystem an die Bedürfnisse der Bevölkerung anzupassen, sondern erwarten, dass sich die Bevölkerung bitte schön dem Rentensystem anpasst. Daher geben die Politiker die Schuld für das Versagen des Rentensystems nicht etwa sich selbst, sondern den jungen Frauen, die ihrer Ansicht nach zu wenige Kinder auf die Welt bringen.

Das ist doch einmal wieder typisch für unsere Politiker, die, wenn ein Problem auftaucht, völlig phantasielos den üblichen Reaktionsplan abspulen, oder nicht? Der erste Schritt dabei besteht darin, erst einmal jemandem anderen die Schuld zu geben – am besten einer mehr oder weniger benachteiligten Gruppe der Gesellschaft. In diesem Fall ist es also absolut nahe liegend, ruck zuck die jungen Frauen mit dem Vorwurf des „Gebärstreikes“ an den Pranger zu stellen. Schließlich kann man ja unmöglich die Männer nehmen und denen „…streik“ – oder noch schlimmer „…dysfunktion“ vorwerfen. Sie wissen schon, was ich meine… diese ganze Geschichte von wegen ... die Männern immer ungeheuer peinlich ist ... genau! Nein, das könnte man nicht. Schon gar nicht als Politiker, der wiedergewählt werden will.

Jedenfalls merkt dann erst einmal keiner, dass das Problem ja eigentlich das völlig unzureichend durchdachte Rentensystem an sich ist. Schon gar nicht die Frauen, die sowieso immer dazu neigen, sich für alles selbst die Schuld zu geben. Wie praktisch! Genial!

Schritt zwei ist dann, die erstbeste Idee als Lösung zu präsentieren, die der Politik in den Sinn kommt. Diese Idee muss simpel sein und am besten irgendwie mit dem Sündenbock von Schritt eins zusammenhängen. Voilá: Die Frauen müssen mehr Kinder bekommen. Wie kann man sie dazu bewegen? Natürlich: Man schickt sie zurück an den Herd! Nein, halt, das widerspricht ja unseren Grundsätzen der Emanzipation, die Frauen haben hinter dem Herd nichts verloren, ob sie das nun wollen oder nicht. Zurück an die Arbeit also! Aber wohin dann mit den ganzen Rotznasen? Himmel noch mal. Das ist zu komplex für dynamische Lösungen. Am Besten wir fordern also: Die Frau muss Kind und Beruf vereinbaren (wie sie das macht, bleibt ihr selbst überlassen, schließlich leben wir in einem freien Land). Elegant.

Schritt drei: Die Lösungsstrategie wird mit viel Lärm und Medienunterstützung verbreitet und man reagiert extrem ablehnend und empfindlich auf Gegenvorschläge, zu denen die Politiker selbst etwas beitragen müssten. Nein, man kann das bestehende Rentensystem nicht reformieren. Woher soll denn das Geld kommen? Und überhaupt, etwas, was so lange bestanden hat, das muss einfach gut sein, egal was außen herum passiert. Das ist wie mit dem Steuersystem. Das muss bleiben, denn eine Vereinfachung würde zumindest den Weltuntergang bedeuten: Die unzähligen Steuerberater würden arbeitslos und die Regierung lynchen (oder noch schlimmer: Sie nicht wieder wählen!), der Rest der Republik hätte viel mehr Freizeit und Geld (weil weniger Zeiteinsatz, um die jährliche Steuererklärung zu bewältigen, und mehr Geld, da man ja den Steuerberater spart), wüsste damit nicht umzugehen, würde dem sinnlosen und selbstzerstörerischen Alkohol-, Vergnügungs- und Konsumrausch verfallen…Man sieht: Bloß nichts ändern, das führt geradewegs in die Katastrophe.

Doch zurück zum Thema. Sagen wir, von jetzt an würde jeder Bürger nicht mehr die Rentner von heute finanzieren, sondern aus seinen Beiträgen die eigene Alterssicherung sicherstellen. In der Übergangsphase müsste der Staat die Rente der Menschen finanzieren, die noch nicht für sich selbst eingezahlt haben. Mehr Geld muss her. So einfach ist das. Und das ist genauso einfach zu diagnostizieren wie zu lösen. Ohne viel Mehraufwand. Wir könnten zum Beispiel jetzt gleich das Geld einsparen, das dazu verwendet wird, junge Menschen zum Kinder bekommen überreden zu wollen. Und dann gäbe es noch die Möglichkeit für fantastische Synergieeffekte. Zum Beispiel: Angela Merkel schließt ein paar Werbeverträge mit Modedesignern ab, trägt bei öffentlichen Auftritten (zu denen sie ja sowieso hinmuss) nur noch deren Kollektionen und bekommt dann für jede Minute im Fernsehen ein saftiges Honorar. Und sorgt nebenbei dafür, dass bald auch die Menschen auf dem Globus den Namen der deutschen Kanzlerin kennen, die bis jetzt noch nicht einmal wussten, was Deutschland ist, geschweige denn, dass es eine Kanzlerin hat. So bekämen wir vielleicht sogar mehr Touristen = noch mehr Einnahmen!
Man könnte auch neue Steuern einführen. Zum Beispiel eine Steuer auf Steuergeldverschwendung und kurzsichtige Planung für Politiker und eine Steuer auf Bereicherung und Stellenabbau für Unternehmensvorstände – zu zahlen nur im Fall des Vergehens, natürlich. Wir wollen ja nicht so sein.

Spätestens dann könnten wir jedem Rentner den paradiesischen Lebensabend bescheren, den er verdient hat. Und den Rest dafür investieren, dass das Paradies schon vor dem Lebensabend beginnt. Für alle. Vielleicht hätten dann am Ende die bösen jungen Frauen sogar wieder mehr Zeit für und Lust auf Kinder.

Kendra Thiemann
erschienen in zukunft, Oktober 2007