Manchmal kann es helfen, auf der Suche nach Lösungen für Probleme in die Ferne zu schweifen
Die Welt retten. Oh ja, das wollte ich schon immer gerne. Doch ich wusste nie, wo anfangen. Wie konnte ich am besten herausfinden, wo die Hilfe am dringendsten benötigt wird oder wo ich am meisten bewirken kann? Auf die Nachrichten kann man sich ja heutzutage nicht mehr verlassen. Am besten, so schien es mir, wäre es, wenn ich mich selber schlau mache. Ich brauche einen Überblick, muss mir die Dinge mit eigenen Augen ansehen. Vielleicht, dachte ich, könnte eine Weltreise helfen, Anschauungsunterricht vor Ort. Doch, nein, da kam mir noch eine bessere Idee: Die Sicht von oben. Ich muss in den Weltraum.
Ist es nicht eine altbekannte Weisheit, dass man ein Problem mit ein wenig Distanz objektiver sieht und so besser beurteilen kann? Und so schwebe ich nun hier in der Gesellschaft einiger freundlicher Astronauten, die mich ohne viel Aufheben als mitreisende Weltraumtouristen akzeptiert haben, hoch oben über unserer blauen Heimat. Stille und Dunkelheit umgeben unser kleines Raumschiff. Hier oben bräuchte man alle Kraft zum Widerstand, wollte man nicht in den Philosophiermodus abgleiten. Ich wehre mich nicht. Vielleicht kann ich hier oben die Lösung für die Probleme der Menschheit herbeiphilosophieren.
In Gedanken versunken sitze ich am Fenster. Hier oben, den Sternen so nah, ist die Welt noch in Ordnung. Unberührt, rein, majestätisch liegt der Kosmos vor mir. Tief berührt atme ich durch, mir schaudert vor der kühlen Schönheit. Ich blicke auf die Erde, die aus der Ferne ebenfalls ganz unberührt, rein und sorgenfrei aussieht, und schicke eine Bitte ans Universum um Hilfe dabei, Antwort auf meine Frage zu finden: Wie können die Erde gerettet werden und die auf ihr lebenden Arten – inklusive der Gattung Mensch?
Ich schließe die Augen und versenke mich in mein tiefstes Inneres, nehme von dort aus noch einmal Kontakt auf zu allem, was ist, und warte. Worauf? Na auf die Stimme des Universums, die mir Antwort geben wird. Die mir sagen wird, wie und wo ich anfangen soll, die Welt zu retten. Die mir den Masterplan zu Rettung der Menschheit übergeben wird, mir. Ich werde die Heldin sein, alle Menschen werden mich lieben und bis ans Ende meiner Tage sowie darüber hinaus in höchsten Ehren halten, schließlich verdanken sie mir ihr Leben! Mit den Kräften und der Weisheit des Universums ausgestattet werde ich zurückkehren und mit einem Handstreich Wüsten begrünen, es in Dürregebieten regnen lassen, Hurrikans stoppen, die Kranken heilen und den Eisbären ihre Eisschollen zurückgeben. Ich werde wissen, was die Menschen zu ihrer Rettung brauchen und die weltweite Demokratie und Meinungsfreiheit verordnen. Um ganz sicher zu gehen, werden Gegner meiner Politik eingesperrt – oder in den Weltraum geschickt, wo ihnen die gleichen Einsichten zuteil werden mögen wie mir. Ja, es gibt eine wunderbare, glückliche Zukunft für unseren Planeten – dank mir. Ich werde das ausbeuterische, globale, kapitalistische System an der Wurzel ausrotten, die Diktatoren lehren, was es heißt, andere zu unterdrücken, alle Genmaisfelder abbrennen lassen und ewige Gewaltfreiheit einführen. Nun weiß ich, was zu tun ist – danke, Universum!
PLONG!
Ein blechernes, schepperndes Geräusch weckt mich aus meiner Schau. So irritiert bin ich, dass ich, brutal aus meiner Zentrierung geworfen, sogar meine, ein leises „Nachricht für Dich!“ zu hören. Ich straffe energisch meine Schultern. Wer wagt es da, mich zu stören? Ich bin empört und möchte von einem der Astronauten wissen, wo der Lärm herkommt. Er zeigt sich nicht im Geringsten beunruhigt und meint seelenruhig, es sei nur ein harmloser Zusammenstoß mit einem Stückchen Weltraummüll gewesen. Weltraummüll??! Ja, das seien solche Dinge wie kaputte Satelliten, alte Raketenkörper, abgetrennte Raketenteile, verloren gegangenes Werkzeug von Außenmissionen, kleinere Partikel von Satelliten und Raumfahrzeugen, die sich von alleine ablösten… Mein Bild der Welt, die hier oben noch in Ordnung ist, bricht jäh zusammen, als ich weiter erfahre, dass es schätzungsweise 50.000 – 100.000 solcher Objekte in unterschiedlichen Größen die Erde umrunden, davon über 11.000, deren Größe über zehn Zentimetern liegt.
Entsetzt blicke ich wieder aus dem Fenster. Tatsächlich: Dort draußen wimmelt es von großen und kleinen Schrottteilen! Wie konnte ich sie vorher übersehen haben? Gerade saust wieder eines in Sichtweite vorbei. Ich stehe unter Schock, kann mich nicht bewegen. Mein Kopf ist ganz leer. Und da höre ich sie, die Stimme. Erst leiser, dann immer lauter: „Endlich hörst Du mich. Du merkst es auch erst, wenn man Dir den Schrott um die Ohren fliegen lässt! Es ist ganz einfach, die Welt zu retten. Beginne dort, wo Du bist. Sorge erst einmal in Deiner kleinen Umgebung für Frieden und trage Sorge für Dich, Deine Mitmenschen und die Umwelt. Öffne die Augen für das, was sich in Deiner Nähe abspielt…Ändere Dein Verhalten!“
Wieder ein Schrotteil. Während es vorbeifliegt, lächelt es mich an und winkt mir zu.
Ich schüttele mich. Höchste Zeit, wieder auf die Erde zurückzukehren. Der Weltraum bekommt mir nicht. Ich hatte vergessen, wie schön es auf meinem Heimatplaneten ist. Und vielleicht tausche ich nächste Woche doch meinen Sportwagen gegen eine Bahncard…
Kendra Thiemann,
erschienen in zukunft, Juni 2007