Die Sache mit Israel und den Palästinensern scheint immer schlimmer zu werden. Da hilft wohl nur noch die Psychoanalyse ...
In Israel geht es ja ganz schön rund zur Zeit. Und weil es dort rund geht, tut es das auch hier: Heiße Diskussionen darüber, ob Israel mit seiner Gazaoffensive nun nur sein Selbstverteidigungsrecht ausübt oder unberechtigterweise einen Angriff durchführt. Und ob die Deutschen Israel kritisieren dürfen – oder sogar müssen? Ja, das alles ist nicht so einfach zu beantworten, weil es bei dem Ganzen eine große Unbekannte gibt: Das Unbewusste. Psychologische Schutzmechanismen. Ich will nicht für mich in Anspruch nehmen, von selbst auf diese Idee gekommen zu sein, sondern gebe zu, dass ich das bei anderen gelesen habe und mir jetzt lediglich ein paar Gedanken zum Thema mache. Ich bin ja auch keine Expertin, keine Psychologin oder so. Es geht um die Theorie, dass die Deutschen sich so heftig über Israel aufregen, weil sie mit ihrer eigenen schmerzhaften Nazivergangenheit noch nicht im Reinen seien. Denn sonst würden sich die Deutschen ja auch bei anderen Konflikten so aufregen, was sie aber nicht tun, zum Beispiel, wenn im dunklen Afrika mal wieder ein paar Tausend Menschen umkommen. Aber wenn es um Israel geht – nun, das ist etwas Besonderes. Israel ist die Lieblingsprojektionsfläche der Deutschen. Projektion, Sie wissen schon, das bedeutet in der Psychologie, vereinfacht gesagt, dass man einem anderen Eigenschaften zuschreibt, die man an sich selbst nicht wahrhaben will. Also regt man sich dann über den anderen auf, weil man sich dann nicht über sich selbst aufregen muss. Macht ja auch Sinn, wer will schon dauernd mit sich selbst Streit haben?
Allein die Tatsache, dass die Deutschen sich aufregen, zeigt demnach, dass sie ihre eigene Vergangenheit nicht bewältigt haben. Logisch, oder? Dabei spielt keine Rolle, in welcher Form sie sich nun aufregen. Entweder, sie sind wütend, weil die israelische Vorgehensweise gegenüber den Palästinensern in Frage gestellt wird, oder sie sind wütend, weil Israel unschuldige Frauen und Kinder tötet. Das zeigt uns, dass es zwei Arten von Projektionen gibt: Bei der ersten solidarisiert sich der Deutsche mit Israel, weil er noch unverarbeitete Schuldgefühle in sich trägt. Es ist ihm unangenehm, sich der Vergangenheit zu stellen und anzuerkennen, dass das Bedrohungsgefühl der Deutschen gegenüber den Juden, das zum Holocaust geführt hat, unberechtigt und übertrieben war – und die eigenen Eltern oder Großeltern vielleicht Schuld auf sich geladen haben. Deshalb erträgt er auch die Frage nicht, ob das israelische Bedrohungsgefühl eventuell ein wenig übertrieben ist. Solange die Israelis unschuldig sind, sind meine Großeltern es auch! Bei der zweiten ist er gegen Israel, weil er ebenfalls wiederum zu seiner eigenen Schuld nicht stehen will, und diesmal wehrt er sie ab, indem er sie auf ein Gegenüber projiziert. Nicht wir Deutschen sind schlimm, sondern die Israelis. In dieser Variante sind wir also unschuldig, solange „die“ schuldig sind. Interessant, die Dinge einmal von dieser Seite zu betrachten, oder?
Schieben wir es weg!
Aber es geht noch weiter. Die Israelis haben ihre Vergangenheit ebenfalls nie aufgearbeitet. Die Generation der Überlebenden hat – wie übrigens interessanterweise auch die gleiche Generation in Deutschland – in ihrer großen Mehrheit mit ihren Nachkommen nie über das Erlebte gesprochen. Wut, Hass und Schmerz blieben unterdrückt und wurden an die nächsten Generationen weitervererbt. So funktioniert das nämlich laut Psychologie: Was unterdrückt wird, kommt irgendwann hoch, und das Unterdrückte ist nicht wählerisch. Wenn du mich nicht rauslässt, gehe ich eben zu deinen Kindern! Und irgendwo muss sich das Ganze ja entladen: Die Deutschen schieben ihre Schuld nach Israel, und für die Israelis gibt es da praktischerweise die Palästinenser für ihren Hass. Und da es viel zu schmerzhaft wäre, sich wieder bewusst zu werden, wie schlimm das war, damals selbst unschuldig vertrieben und umgebracht zu werden, im eigenen Land die Bürgerrechte aberkannt zu bekommen, darf man nicht zulassen, durch die Palästinenser womöglich daran erinnert zu werden. Also muss man diese ordentlich schuldig sprechen, um sich einzureden, sie hätten es nicht anders verdient. Und projiziert die Täter, die eigentlich die Deutschen von damals waren, mit denen man sich aber seither nie offen ausgesprochen hat, fleißig in die Palästinenser hinein, und immer noch hin und wieder in die heutigen Deutschen, und kann so die (heutige) Illusion vom armen Opfer aufrecht erhalten. Die Palästinenser wollen uns alle verjagen und ausrotten. Punkt!
Und die Palästinenser? Die waren wahrscheinlich einfach nur zur falschen Zeit, nämlich im 20. Jahrhundert, am falschen Ort, nämlich in Palästina. Oder könnte der ganze Konflikt zwischen Israel und Palästina damit angefangen haben, dass die Palästinenser in die ankommenden Juden etwas hineinprojizierten? Jedenfalls projizieren sie interessante Sachen in uns Deutsche. Was, habe ich noch nicht ganz raus, aber wenn Sie schon einmal in der arabischen Welt waren, ist Ihnen vielleicht die folgende irritierende, doch häufige Reaktion auf ihre Nationalität begegnet, die da lautet: „Deutschland! Super! Schumacher, Beckenbauer, Hitler!“ Araber, egal ob Palästinenser oder nicht, sehen in uns anscheinend so etwas wie natürliche Verbündete gegen Israel und durchschauen nicht, dass sie als Semiten nach Hitlers Weltanschauung ebenso als Untermenschen gegolten hätten wie die Juden.
So. Alles klar? Wenn nicht, dann können wir vielleicht als Ergebnis festhalten, dass uns langsam zu dämmern beginnt, dass es bei der Eskalation dieses Konflikts mit dem Verstand/Logik nichts mehr zu verstehen gibt. Die ganzen Friedensvermittler kommen immer und meinen, man müsse beiden Seiten nur gut zureden, ein bisschen Waffenstillstand vereinbaren, ein paar Lebensmittellieferungen zulassen, und dann würde alles wieder gut. Hat das bisher funktioniert? Nein. Wird das also in Zukunft funktionieren? Wir können ja mal raten. Was meinen Sie? Bedenken Sie dabei, dass wenn ein Israeli an einen Palästinenser denkt, das Bild von einem mordlüsternen Wahnsinnigen in seinem Hirn entsteht. Und wenn ein Palästinenser an Israel denkt, er einen Kinder niedermetzelnden Schlächter sieht. Wollten Sie mit einem Wahnsinnigen oder einem Schlächter Tür an Tür leben? Nicht? Sehen Sie, die Menschen dort auch nicht.
Wir sollten also aufhören, einfach so in der Gegend rumzuprojizieren, und anfangen, die Dinge so sehen, wie sie sind. Es kann keinem Menschen zugemutet werden, mit einem Monster an seiner Seite zu leben, von dem man nie weiß, wann es wieder zuschlägt. Da die Menschen in der betroffenen Region unisono berichten, dass sie es mit zahlreichen, grausamen, unbezwingbaren Monstern zu tun haben, muss es diese wohl auch tatsächlich geben. Zumindest auf den ersten Blick. Wir sollten das ernst nehmen, auch wenn wir meinen, auf den uns präsentierten Bildern vom Feind lediglich Menschen zu erkennen. Ich schlage also vor, eine Forschungsexpedition zu starten, um der vermuteten Existenz der besonders gefährlichen Gattung monstrum orientis, die sich bisher nur Einheimischen gezeigt hat, mit ihren mindestens zwei Unterarten endgültig wissenschaftlich auf den Grund zu gehen. Aber bitte mit guter Schutzkleidung und unter größter Vorsicht. Sie kennen doch den Witz: „Was war der letzte Satz des Artenforschers? – ,Ich glaube, es will mit uns kommunizieren...‘“ Das wollen wir doch nicht. Doch bevor es losgeht, noch ein Hinweis: Töten Sie ein Exemplar, falls Sie eines zu Gesicht bekommen, nicht allzu vorschnell. Probieren Sie es erst einmal mit Küssen. Denn manchmal täuscht das Äußere, so wie in Die Schöne und das Biest. Man meint, ein grässliches Ungeheuer vor sich zu haben, und dann entpuppt es sich als verwunschener Prinz. Und wenn Sie einen Prinzen töten, dann werden Sie sich schuldig fühlen. Und wenn Sie damit nicht klarkommen, dann geht das ganze Projiziere wieder von vorne los. Mehr muss ich wohl nicht sagen. Viel Erfolg und bis zum nächsten Mal!